von Regina Esser
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10. September 2026
Alkohol und Wechseljahre – was stimmt eigentlich von dem, was alle sagen? In meiner Sprechstunde sehe ich viele Frauen, die sich Gedanken über ihren Alkoholkonsum machen. Viele von ihnen befinden sich in einem Alter, in dem die ersten Symptome der Wechseljahre auftreten. Was mich zu der Fragestellung führt: Konsumieren Frauen in den Wechseljahren mehr Alkohol? Es wird oft gesagt, aber stimmt das auch, wenn man sich die aktuelle Studienlage ansieht? Ein ganz frisches Scoping Review aus dem Jahr 2026 hat 57 Studien zu Alkohol und Perimenopause/Menopause ausgewertet. Und wie es sich für ein anständiges Übergangsstadium des Lebens gehört, lautet die Antwort auf fast alles: kompliziert. Manche Zusammenhänge sind erstaunlich gut belegt, andere sind Küchentischweisheiten, die sich hartnäckig halten, weil sie so gut klingen. Zeit, das zu entwirren – aus der Perspektive einer Ärztin, die selbst mitten in diesem Lebensabschnitt steckt und es genauer wissen will. Eine hormonelle Achterbahn mit Alkohol als Mitfahrer An einem Tag ist man himmelhochjauchzend, am nächsten könnte man jedem an die Gurgel gehen, der einen mit einem falschen Wort reizt. Der Körper sorgt jeden Tag für neue Überraschungen: Falten, wo gestern noch keine waren, trockene Augen, Haarausfall, Gelenkschmerzen usw. Die Liste ist beliebig fortsetzbar. Und vom Schlaf wollen wir gar nicht erst anfangen. Welche Frau 40 plus kennt das nicht? In der Perimenopause spielen Östradiol und Progesteron munter Achterbahn, bevor die Eierstöcke nach der Menopause dauerhaft in den Ruhestand gehen. Parallel dazu verändern sich Schlaf, Stressregulation, Stimmung, Körperzusammensetzung und das kardiometabolische Risiko – ein Rundum-Paket, das niemand bestellt hat, das aber trotzdem geliefert wird. Alkohol greift in dieses Wechselspiel ein und beeinflusst mehrere Faktoren gleichzeitig: den Schlaf, die Gefäße und die Thermoregulation, die Stimmung und die Hormone. Genau diese Verflechtung macht es so schwer, das Thema in einen einzelnen Satz zu packen – und genau deshalb lohnt es sich, die Fäden einmal einzeln in die Hand zu nehmen, bevor man sie wieder zusammenknüpft. Der Teufelskreis, der öfter zuschlägt, als man denkt. Fangen wir mit dem Auslöser an, den alle vermuten: der Hitzewallung nach dem Glas Wein. Hier wird es überraschend widersprüchlich. Die große SWAN-Kohortenstudie fand keinen konsistenten Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Hitzewallungen, sobald andere Einflussfaktoren berücksichtigt wurden. Auch die übrige Literatur ist sich uneinig. Ein Scoping Review bezeichnet die Evidenz explizit als „inkonsistent“ – Alkohol ist offenbar nicht bei jeder Frau ein Auslöser, bei manchen aber ein sehr deutlicher. Ein Fall für Selbstbeobachtung also, nicht für ein pauschales Verbot. Deutlich handfester wird es beim Schlaf, und hier beginnt die eigentlich interessante Geschichte. Alkohol wirkt kurzfristig sedierend und erleichtert das Einschlafen – das kennt jeder, der schon einmal ein Glas Wein als Gute-Nacht-Geschichte missbraucht hat. Das Problem zeigt sich erst später in der Nacht: Er verschlechtert die Schlafarchitektur und führt in der zweiten Nachthälfte zu häufigerem Erwachen. In einer Lebensphase, in der Schlafstörungen ohnehin schon zum Standardprogramm gehören, kann sich daraus leicht eine Spirale entwickeln: schlechter Schlaf, ein Glas als vermeintliche Lösung, noch schlechterer Schlaf, mehr Erschöpfung, wieder ein Glas. Von der Erschöpfung ist es nur ein kleiner Schritt zur Stimmung. Die Wechseljahre gehen mit einem erhöhten Risiko für depressive Symptome einher, und Alkohol kann genau in diese Lücke stoßen: Kurzfristig dämpft er Anspannung und Angst, langfristig verschlechtert er jedoch Stimmung, Schlaf und psychische Gesundheit. Ein Scoping Review zeigt bei moderaten Mengen teils neutrale Effekte, bei hohem Konsum aber deutlich häufiger ungünstige Stimmungslagen und kognitive Beschwerden. Insgesamt ist die Forschung zur psychischen Gesundheit in der Perimenopause aber noch dünn. Was mir in der Sprechstunde auffällt, deckt sich damit: Viele Frauen greifen in dieser Phase zunehmend zu Alkohol als Selbstmedikation gegen Stress, Schlafprobleme oder schlicht Überforderung. Das ist verständlich, aber eben eine Strategie, die sich selbst untergräbt. Diese drei Fäden – Hitzewallungen, Schlaf und Stimmung – erklären übrigens auch, warum sich das Gerücht, Frauen trinken in der Menopause mehr, so beharrlich hält. An vielen Tagen fühlt es sich wahr an. Nur ist es eben nicht die Menopause selbst, die zum Glas greifen lässt. Das Scoping Review fand keine konsistente Evidenz dafür, dass die hormonelle Umstellung unabhängig zu mehr Konsum führt. Was sich gleichzeitig verändert, ist fast alles andere im Leben: Partnerschaft, berufliche Belastung, Kinder, die ausziehen, der eigene Körper, das Gefühl des Älterwerdens. Diese Gemengelage beeinflusst den Konsum, nicht der Hormonspiegel allein. Aus suchtmedizinischer Sicht ist genau das der spannendste Punkt dieser Lebensphase. Der Punkt, der wirklich zählt Die bisherigen Zusammenhänge sind unklar, aber bei einem einzigen Thema wird es eindeutig: Brustkrebs. Alkohol ist ein etablierter Risikofaktor – sowohl vor als auch nach der Menopause. Eine im Jahr 2024 veröffentlichte Meta-Analyse prospektiver Kohortenstudien fand einen dosisabhängigen Zusammenhang: Schon bei weniger als einem Standarddrink täglich war das Risiko gegenüber Nichtkonsum erhöht und stieg mit jedem weiteren Drink zusätzlich an. Das ist, um ehrlich zu sein, relevanter als die Frage, ob das Feierabendglas eine Hitzewallung auslöst, und sollte in der persönlichen Abwägung deutlich mehr Gewicht haben als es in der öffentlichen Debatte bekommt. Ähnlich real, wenn auch weniger dramatisch, ist die Sache mit den Knochen . Mit sinkendem Östrogen steigt das Risiko für Knochenabbau und Osteoporose ohnehin und chronisch hoher Alkoholkonsum kann diese Entwicklung zusätzlich befeuern – besonders bei Frauen mit niedrigem Körpergewicht, wenig Bewegung oder weiteren Risikofaktoren. Und weil sich in derselben Lebensphase die Körperzusammensetzung verschiebt – weniger Muskelmasse, mehr viszerales Fett –, kommt noch ein drittes Thema hinzu. Alkohol liefert vergleichsweise viele Kalorien, sättigt kaum und beeinflusst zusätzlich das Essverhalten und den Schlaf. Kein Wunder, wenn sich dabei das eine oder andere Kilo dazugesellt. Die Frage nach dem Timing der Menopause selbst ist interessant, aber wissenschaftlich am wackeligsten. Alkohol kann den Östrogenstoffwechsel beeinflussen. Moderater Konsum wurde mit höheren Östradiolspiegeln und niedrigeren FSH-Werten in Verbindung gebracht. Eine ältere Meta-Analyse mit über 100.000 Frauen fand sogar einen kleinen Zusammenhang zwischen niedrigem bis moderatem Konsum und einem etwas späteren Eintritt der natürlichen Menopause. Dieser Zusammenhang ist jedoch klein und es besteht keine Kausalität, wie die Autor:innen selbst betonten. Bitte also keine Schlagzeile wie „Wein verzögert die Menopause“ daraus basteln – das wäre etwa so seriös wie „Schokolade verlängert das Leben“. Mein Fazit: Die Wechseljahre sind auch ohne Alkohol anstrengend genug. Manche der beliebten Alkohol-Menopause-Mythen halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Dazu gehört beispielsweise die Annahme, dass Alkohol grundsätzlich mehr Hitzewallungen verursacht oder dass die Menopause automatisch zum Glas greifen lässt. Andere Zusammenhänge, allen voran das Brustkrebsrisiko, sind hingegen sehr gut belegt, werden in der öffentlichen Debatte aber kaum thematisiert, während Schlaf, Stimmung und Knochen leise, aber beharrlich mitspielen. Was bleibt, ist kein Grund für Panik, aber ein guter Anlass, den eigenen Konsum ehrlich unter die Lupe zu nehmen. Nicht, weil „die Wechseljahre“ das verlangen, sondern weil sich in dieser Lebensphase so vieles gleichzeitig verschiebt, dass ein Glas Wein am Abend plötzlich eine ganz andere Rolle spielen kann als mit dreißig.